Jeyakumar Thiurairajah
wurde als St.Galler Stadtparlamentspräsident vorgeschlagen.
Hier sieht man einen Jungen in der Produktionsstätte des Magazins. z.V.g.
Der Exekutivrat der Weltkulturorganisation hat dieses Jahr in Paris 74 Dokumente in das internationale UNESCO-Register «Memory of the World» aufgenommen. Dazu gehört auch das Kinderdorf-Magazin «Freundschaft».
Magazin Unter der Eintragung «Zeichnungen und Schriften von Kindern und Jugendlichen in Kriegszeiten in Europa 1914 bis 1950» geben Zeitzeugnisse Einblick in die Jahre 1914 bis 1950. Sie dokumentieren Erlebnisse, Gedanken und Gefühle junger Menschen in Kriegszeiten und spiegeln persönliche Schicksale sowie gesellschaftliche Umbrüche wider. Teil davon ist das Magazin «Freundschaft», das 1950 zum ersten Mal erschienen ist.
Damit ging ein grosser Wunsch von Walter Robert Corti – dem Gründer des Kinderdorf Pestalozzi – in Erfüllung. Die Zeitschrift wurde von den Kindern selbst geschrieben, illustriert und gesetzt. Sie erschien in 125 Ausgaben bis 1992. Das Weltdokumentenerbe vereint Buchbestände, Handschriften, Partituren, Bild-, Ton- und Filmaufnahmen von aussergewöhnlichem Wert für die Menschheitsgeschichte. Das internationale UNESCO-Register «Memory of the World» zählt rund 600 Einträge. «Das Magazin 'Freundschaft' wurde ins UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen, weil es auf einzigartige Weise die Stimmen von Kindern und Jugendlichen bewahrt, die die Kriegsjahre erlebt haben», sagt Jeanette Badura, Kuratorin im Kinderdorf Pestalozzi. Die erste Ausgabe wurde 1950 veröffentlicht und steht dabei nicht nur für das Ende der Kriegszeit, sondern eröffnet auch neue Perspektiven auf das kulturelle Gedächtnis Europas. «Es gibt den jüngsten Zeitzeugen eine Stimme in der Erinnerungskultur und schafft Raum für Mitgefühl, Dialog und gemeinsame Erinnerung über nationale Grenzen hinweg», sagt Badura.
Gerade durch die kindliche Perspektive würden die Beiträge einen besonders authentischen Blick auf die Folgen von Krieg und die Kraft des Neuanfangs eröffnen. «Die Zeitschrift war damit nicht nur ein Ort der Verarbeitung und des kreativen Ausdrucks, sondern auch ein starkes Symbol für kulturellen Zusammenhalt und solidarisches Miteinander in einer zerrissenen Welt», meint Badura. Sie machte sichtbar, was die junge Generation bewegte und schenkte ihr eine Stimme. Viele Beiträge des Kinderdorfmagazins sind heute seltene Zeugnisse von Kindern, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben. «So haben wir Zugang zu Gefühlen aus einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche», so Badura.
Das Magazin zeigt ausserdem das Leben im Kinderdorf Pestalozzi als friedensfördernde Gemeinschaft. «Die Kinder berichten von ihrem Alltag in den Wohngruppen, Freizeitaktivitäten, Ferien in der Heimat oder bei Gastfamilien in der Schweiz sowie von ihren Gedanken und von kulturübergreifenden Freundschaften», erzählt die Kuratorin. Dabei spiegle die Zeitschrift den kulturellen Zusammenhalt und die Solidarität wider, die nach den schweren Kriegsjahren entstanden sind. «Die Texte und Bilder geben authentisch Einblick in das, was die damalige Generation bewegte und prägte.» Die Kinder gestalteten das Magzin selbst – von den Inhalten bis hin zur Produktion, damals noch mit dem Setzkasten. Möglich wurde das durch eine Spende der New Forest School aus New York, die dem Kinderdorf Pestalozzi eine Kiste mit Bleilettern schickte. Damit konnten die Kinder die Artikel im Bleisatz drucken, eine kreative wie auch handwerklich anspruchsvolle Aufgabe, die ihnen Verantwortung und Ausdrucksmacht verlieh. «Es wurde von ihnen für die Welt gemacht. Im Kinderdorf spielte kreatives Gestalten schon immer eine zentrale Rolle, als Ausdrucksmittel und als Form der Traumabewältigung. Es half den Kindern, Erlebtes zu verarbeiten und sich mitzuteilen, wo Worte manchmal fehlten», sagt Badura.
Die von Kindern produzierte Zeitung sollte bis 1992 viermal pro Jahr erscheinen, insgesamt 125 Ausgaben. Der Redaktion gehörten anfangs Kinder aus acht Nationen an, später waren es mehr. «Die Illustrationen – Linolschnitte und Holzschnitte – gaben dem Magazin seine charakteristische, eindrückliche Bildsprache», schwärmt Badura. Es entstand ein journalistisches Produkt, ebenso ein gemeinschaftliches Werk, das den Geist des Kinderdorf Pestalozzi widerspiegelte: Miteinander gestalten, voneinander lernen, einander zuhören, über kulturelle und sprachliche Grenzen hinweg. Das Magazin ist ein Teil des Archivs des Kinderdorf. «Unser Archiv besteht aus dem Archiv der Kinder- und Jugendzeichnungen, dem Kompaktus und dem audiovisuellen Archiv. Das Archiv der Kinder- und Jugendzeichnungen ist ein aussergewöhnliches kulturelles Erbe und ein bedeutender Beitrag zur europäischen und globalen Erinnerungskultur», betont Badura. Mit rund 10'000 bis 15'000 Zeichnungen, Collagen und Drucken von Kindern und Jugendlichen aus zahlreichen Nationen bewahrt es eine umfangreiche Sammlung historischer Kinderzeichnungen aus der Nachkriegszeit. Die ältesten Zeichnungen lassen sich auf das Jahr 1946 datieren und stammen überwiegend von polnischen Kriegswaisen», so Badura.
Die Einstufung als UNESCO-Weltdokumentenerbe verleihe dem Archiv nun zusätzliche Bedeutung. «Es macht sichtbar, wie Kinder weltgeschichtliche Ereignisse wahrgenommen haben und dass ihre Sichtweisen unersetzliche Bausteine eines umfassenden kulturellen Gedächtnisses sind», ist Baduara sicher. Damit sei das Archiv nicht nur ein bedeutendes europäisches Kulturgut, sondern auch ein universelles Mahnmal gegen das Vergessen und für die Wahrung von Frieden, Vielfalt und Menschlichkeit. Doch wie können solche Sammlungen zur Firedensbildung und Auseinandersetzung mit Geschehenem beitragen? «Gerade, weil sie aus der Sicht von Kindern erzählen, machen sie die Folgen von Krieg und Gewalt auf eine eindrückliche, emotionale Weise sichtbar. Sie schaffen Zugang zu Themen wie Flucht, Verlust, Trauma, Hoffnung und Zusammenhalt – jenseits abstrakter Zahlen oder historischer Analysen», meint Badura. In Bildungsarbeit, Gedenkprojekten oder Ausstellungen würden sie dazu anregen, sich mit Fragen von Menschlichkeit, Verantwortung und Empathie auseinanderzusetzen und kulturelle Vorurteile abzubauen. «Diese Stimmen aus der Vergangenheit fördern das Verständnis für die Verletzlichkeit von Kindern in Konflikten und erinnern daran, wie wichtig Schutz, Teilhabe und Dialog sind», sagt Badura. Ganz besonders wichtig findet die Kuratorin, dass so die Kinderzeichnungen Eingang in den offiziellen Kanon der Kunstgeschichte finden. So komme dem Archiv eine besondere Bedeutung zu, denn: «Es bewahrt Stimmen, die sonst oft ungehört bleiben.» Sämtliche Ausgaben des Magazins wurden digitalisiert, was eine langfristige Sicherung und gezielte Recherche ermöglichten. Die Archive sind auf Anfrage zugänglich und werden für wissenschaftliche Zwecke genutzt. Die erste Ausgabe ist Teil der öffentlichen Ausstellung im Besucherzentrum des Kinderdorf Pestalozzi und steht allen offen.
Stefanie Rohner
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