Als Frauen noch schweigen sollten, schnitt sie Kunstgeschichte
Vor 150 Jahren wurde Martha Cunz, Künstlerin aus St. Gallen, geboren. Bekannt wurde sie durch ihre farbigen Holzschnitte und ihre unabhängige Art.
Vor 150 Jahren wurde Martha Cunz, Künstlerin aus St. Gallen, geboren. Bekannt wurde sie durch ihre farbigen Holzschnitte und ihre unabhängige Art.
Druckgrafik Ersten Unterricht erhielt Martha Cunz vom Maler-Schriftsteller Oscar Huguenin, als sie sich mit 17 Jahren in einer Pension bei Boudry im Kanton Neuenburg aufhielt, wobei sie Arbeiten des Künstlers zu kopieren hatte. In St. Gallen setzte sie die Kopierarbeit im Kunstmuseum in den Jahren 1893 bis 1896 fort und besuchte den Unterricht der Zeichenschule von Johannes Stauffacher und der Zeichnungsschule für Industrie und Gewerbe. Oft begegnete sie beim Kopieren Emil Rittmeyer, dem Nestor unter den St. Galler Malern, der die Arbeit der jungen Künstler mit grosser Anteilnahme verfolgte. Ab dem 20. Altersjahr bildete sie sich an Kunststätten im Ausland weiter, um jährlich mit neuen Erfahrungen ins Elternhaus nach St. Gallen zurückzukehren. Anschliessend nahm sie ein halbes Jahr Privatunterricht bei Adolf Hölzel. Bis 1998 zeichnete sie dann täglich an der Künstlerinnen-Akademie in München, tagsüber Porträts, abends Akte. 1899 bis 1900 besuchte sie in Paris die Privatakademie von Luc-Olivier Marson, um später für kurze Zeit bei Lucien Simon zu arbeiten. Hier sammelte sie erste Erfahrungen mit der Druckgrafik. 1901 ging sie zurück nach München an die Künstlerinnen-Akademie, wo sie sich nun vertieft in der figürlichen Malerei übte. Im dortigen Atelier von Ernst Neumann waren die nötigen Einrichtungen für den Holzschnitt vorhanden. So konnte sie, inspiriert von der japanischen Druckgrafik, in St. Gallen 1902 die ersten Holzschnitte herstellen.
Die Druckgrafik nahm in der Folge die beherrschende Rolle in ihrem Schaffen ein. Der Arbeitsrhythmus hatte sich diesem Kunsthandwerk anzupassen. Im Frühjahr schnitt sie in München die Druckstöcke, im Sommer malte sie in den Schweizer Bergen Landschaften, um dann im Herbst in St. Gallen unter Mithilfe ihrer Schwester Clara die Drucke anzufertigen. Im Winter arbeitete sie jeweils in München, ab 1905 in einem eigenen Atelier. Nachdem sie dieses hatte räumen müssen, richtete sie im Hinterhaus ihrer Eltern an der Vadianstrasse 1920 in St. Gallen einen Arbeitsraum ein.
Der Erste Weltkrieg sorgte für einen Unterbruch bei ihren vielen Reisen zu den bedeutendsten Museen in Europa. An der Gründung der «Walze», einer Gruppe von Schweizern, welche die Druckgrafik pflegte und eine gemeinsame Mappe herausgab, beteiligte sie sich aktiv. Insgesamt schuf Martha Cunz im Laufe der Jahre 69 Holzschnitte. Das Ausprobieren der Farbtöne beanspruchte allein eine Woche Arbeit. In der Regel zog sie 25 bis 30 Exemplare ab, bei den begehrtesten Blättern, wie «Flamingo», «Philosophen» und «Marktplatz» waren es Auflagen bis zu 80. In späteren Jahren war sie auch als Holzschnittlehrerein tätig, ohne jedoch als Pädagogin zu brillieren. Da sie als betont Eigenwillige oft in Männerkleidung erschien, war sie im Alltag auch Diskriminierungen ausgesetzt. Schon nach dem Ersten Weltkrieg nahm ihre schöpferische Kraft ab. Sie schuf nur noch wenige Holzschnitte und wandte sich dem grossflächigen publikumsgerechten Gemälde zu, auch weil so viel leichter Geld zu verdienen war.
Martha Cunz fand ihre künstlerisch hochstehende Ausdrucksform gleich mit den ersten Holzschnitten. Die notwendigen Vereinfachungen auch in der Raumwirkungwerden dominiert durch ein eindrückliches Farbenspiel. Die Farbflächen überschneiden sich vielfältig. Die Schatten werden betont,um den Ausdruck zu verstärken und den Bildbau zu festigen. So ist die Künstlerin weder dem Expressionismus noch dem Jugendstil zuzuordnen, wenngleich Anklänge an beide prägenden Epochen der klassischen Moderne zu orten sind. Sicher erfolgten auch Anstösse durch die japanische Holzschneidekunst. Bereits 1904 hatte Martha Cunz ihre Ausdrucksform gefunden, die sie nicht mehr änderte, was Kunstkritiker veranlasste, festzustellen, dass sie wenig experimentierfreudig war. Indessen ist nicht zu bestreiten, dass die Künstlerin stets bemüht war, die Qualität ihrer Arbeiten zu verbessern.
Ab 1907 war sie auch als Holzschnitt-Lehrerin tätig und unterrichtete viele Frauen. Sie schien aber pädagogisch nicht besonders begabt gewesen zu sein, denn sie ärgerte sich darüber, dass sie den Schülerinnen die Sujets vorgeben musste.
Bei den vielen St. Galler Sujets kommt die zufriedene Ruhe zum Ausdruck, die die «Brokatstadt» zur Stickereiblüte prägte. Dabei mischt sich sanktgallische Trockenheit mit einer Spur Ironie. Es sind Liebeserklärungen an ihre Vaterstadt mit ihren lauschigen Ecken,dominiert von der Stiftskirche, die sie mit ihrem letzten Farbholzschnitt in der Abenddämmerung zeigt, um den Gegensatz zur übrigen kleinräumigen Erscheinungsform der Stadt herabzumindern. Diese herrscht vor auf den Holzschnitten mit Blick auf den Rosenberg und auf den Weiher im Stadtpark, auf dem Schwäne schwimmen, auf St. Mangen im Winter und auf den Markt.
Liebevoll hielt sie auch die landschaftliche Umgebung der Stadt fest, das Appenzellerland und den Untersee. Das gesamte Holzschnittwerk ist von der Stadt St. Gallen erworben worden und wird im Kulturmuseum St. Gallen aufbewahrt. Originaldrucke erzielen auf dem Kunstmarkt Preise zwischen 300 und 2000 Franken.
Von Franz Welte
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