Er schaut auf Dinge, die Kinder und Erwachsene leicht übersehen
Martin Fontanellaz schreibt Kinderbücher. Mit seinem neuen Buch steht der 34-Jährige auf der Shortlist des Deutschen Kinderbuchpreises.
Martin Fontanellaz schreibt Kinderbücher. Mit seinem neuen Buch steht der 34-Jährige auf der Shortlist des Deutschen Kinderbuchpreises.
Talent Martin Fontanellaz lacht, als er von sich als Kind am Telefon erzählt. «Ein mega mühsames Kind.» Sehr aktiv sei er gewesen, kaum fähig, lange stillzusitzen. Aber auch immer bereit, in die Diskussion zu gehen. Ein «Assi-Kind» sei er deswegen nicht gewesen, sagt er. Aber sitzen, zuhören und sich anpassen: Das fiel ihm schwer.
Heute arbeitet der 34-Jährige als Schulsozialarbeiter in einem 70-Prozent-Pensum in der Stadt St. Gallen und schreibt daneben Kinderbücher. Sein neustes Buch über ein Kind, das glaubt, kein Talent zu haben, hat ihn auf die Shortlist des im deutschsprachigen Raum angesehenen Deutschen Kinderbuchpreises gebracht. Mehr als 200 Bücher wurden eingereicht, zehn sind in der engeren Auswahl. Ausgewählt von erwachsenen Kritikerinnen und Kritikern. Über den Sieger am 3. Oktober in Stuttgart entscheidet aber eine Jury aus Kindern.
Ausmalen konnte er sich das nicht. «Riesige Freude. Eine Überraschung», sagt er am Telefon. Er sagt es ruhig, fast beiläufig, und trotzdem hört man, was ihm die Nomination bedeutet. Sein bisher bestes Buch sei es, das schon. Aber bisher habe er auch eher kleinere Titel veröffentlicht. Nun sei es eine «Anerkennung einer grossen Arbeit». Dass Kinder entscheiden, gefällt ihm besonders. Sie lesen anders als Erwachsene. Sie finden das Detail in den Illustrationen, sie lachen an Stellen, an denen andere weiterblättern. «Den Humor können Kinder wahrscheinlich besser gewichten», sagt Fontanellaz.
Viel Denkarbeit, viel Träumerei
Die Arbeit an einem Buch beginnt lange, bevor er am Computer sitzt. Ideen trägt er mit sich herum. Beim Spazieren, in den Ferien, im Alltag. Erst später setzt er sich hin. «Viel Denkarbeit und viel Träumerei geht dem Schreiben vor.»
Einen Schriftstelleralltag mit acht Stunden am Schreibtisch gibt es bei ihm nicht. Geschrieben wird am Abend, am Wochenende, in den Ferien. Darum dauert ein Projekt beim 34-Jährigen vielleicht auch ein bisschen länger bis zur Vollendung. So vergeht von der ersten Idee bis zum fertigen Manuskript etwa ein Jahr. Ein festes Muster hat er nicht. Manchmal steht am Anfang eine fiktive Figur in seinem Kopf, manchmal ein Dialog aus dem Alltag. Vieles kommt aus dem Beruf. Die Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen liefern Situationen, die ihn nicht mehr loslassen. Oft habe er sich in einer solchen Situation gewünscht, es gäbe dazu ein Buch, das er hervornehmen könnte.
Der pädagogische Zeigefinger
Aber Achtung - genau hier liegt auch eine Falle. Wer beruflich mit Kindern arbeitet und für Kinder schreibt, wird schnell zum Pädagogen mit Schreibmaschine. Fontanellaz kennt die Gefahr. «Ich muss aufpassen, dass ich nicht diesen pädagogischen Zeigefinger in die Geschichte gebe.» Das Problem dürfe nicht im Mittelpunkt stehen. Zuerst müsse die Geschichte funktionieren, die Dramaturgie, das Literarische.
Auch im neuen Buch ist die Botschaft da, aber sie kommt nicht als Botschaft daher. «Tove», so die Hauptfigur im Buch, glaubt, kein Talent zu haben. Andere Kinder aber besitzen welche. Talente, die sofort sichtbar sind und die auch gesellschaftlich sofort als solche gelten. Der gebürtige Berner benennt sie als die offensichtlichen Talente wie beispielsweise Fussballspielen, Singen oder Schachspielen.
Fontanellaz interessiert das Übersehene. Das Kind, das in einer Wolke ein schönes Tier entdeckt. Fähigkeiten, die klein wirken und gerade deshalb untergehen. Selbstzweifel kennt er aus eigener Erfahrung. «Ich bin nicht untalentiert. Aber ich hatte auch nie das Megatalent.» Es gebe viel mehr Talente als die paar bekannten. «Kleine Talente, nicht auf den ersten Moment sichtbare Talente.»
Kann auch Druck erzeugen
Der Gedanke ist wohltuend. Er birgt aber auch eine kleine Zumutung. Wenn ein Buch Kindern sagt, dass jeder Mensch ein Talent besitzt, kann daraus ein neuer Druck entstehen. Muss nun jedes Kind etwas Besonderes können? Muss es nur lange genug suchen, bis es sein Talent gefunden hat? Fontanellaz weicht der Frage nicht aus. «Vielleicht erzeugt es irgendwie schon Druck, klar», sagt er. Dann korrigiert er die Richtung. Er wolle nicht zeigen, dass man ein Talent haben müsse. Er glaube aber daran, dass jeder Mensch eines besitze. Deshalb seien die Beispiele im Buch bewusst niederschwellig. Etwas Schönes in den Wolken zu entdecken, könne bereits eine Fähigkeit sein. Sein Ziel ist weniger die Entdeckung einer besonderen Begabung als eine andere Form des Sehens. Kinder sollen etwas an sich erkennen, das sie bisher nicht wertgeschätzt haben. Und vielleicht auch merken, dass sie nicht erst etwas Aussergewöhnliches leisten müssen, um richtig zu sein.
Das hat viel mit ihm selbst zu tun. Schon als Kind waren Geschichten wichtig, Rollenspiele auch. Heute will er den Kindern und Jugendlichen, denen er in der Arbeit begegnet, dasselbe mitgeben wie den Kindern, die seine Bücher lesen. «Ich möchte ihnen mitgeben, dass sie richtig sind, wie sie sind.» Dass aber alles erlaubt sei und dadurch relativiert werde, sei aber ganz und gar nicht so. Es brauche auch klare Grenzen. Es gehe aber darum, den Kindern zu zeigen, dass sie als Menschen gut sind.
Das schwierige Wort
Vielleicht erklärt sich daraus auch seine ruhige Art, über den Erfolg zu sprechen. Ein Wort ging ihm lange nur schwer über die Lippen. «Ja, ich bin Schriftsteller», sagt er, und gleich folgt die Einschränkung. Es sei nicht einfach, sich selbst so zu betiteln. In seinem direkten Umfeld gibt es niemanden, der schreibt oder sich für Literatur interessiert. Belächelt wurde er auch schon. «Der Glaube aus meinem Umfeld, dass ich Schriftsteller bin, war lange nicht da.» Mittlerweile sei er gewachsen. Und damit auch der eigene. Die Wertschätzung von Menschen, die ihm nahestehen, tue ihm gut. «Es ist schön, in seiner Arbeit bestätigt zu werden, und es macht Mut.»
Der Antrieb liegt trotzdem woanders. «Schlussendlich schreibe ich, weil es mir Spass macht.» Er mag Kinderbücher, die Zusammenarbeit mit Verlag und mit seiner Illustratorin aus Wien und er mag den Moment, wenn ein Kind beim Vorlesen lacht. «Das Lachen als Feedback der Kinder ist unbeschreibbar.»
Kein einfacher Prozess
Bis dieses Lachen entstehen kann, ist es allerdings ein langer Weg. Kein Buch von Fontanellaz erschien so, wie er es beim Verlag eingereicht hatte. Das Lektorat greift ein, stellt Fragen, schickt zurück. Manchmal fünfmal. Einmal sogar das Ende einer Geschichte. Zu langweilig, zu klassisch. Also schreibt er um. «Man muss kritikfähig sein und Feedback annehmen können.» Er nennt es ein Pingpong zwischen ihm und dem Verlag. Auch die Illustrationen verändern sich dabei mehrfach. Ein Kinderbuch ist für ihn keine einsame Angelegenheit, sondern Teamarbeit.
Wer ihn gut kennt, würde ihn wohl vielseitig nennen, aufmerksam und humorvoll, meint er im Gespräch am Telefon. Humor sei in seinem Beruf wichtig, ein Lächeln hervorzulocken tue allen gut. Gleichzeitig braucht er viel Zeit für sich. Einmal pro Woche mehrere Stunden nichts tun. Serien schauen, schreiben, einfach sein. «Ich bin lebendig und lustig, aber auf der anderen Seite habe ich auch eine sehr ruhige Seite.»
Vielleicht ist genau diese Mischung in seinen Büchern zu spüren. Sie sind pädagogisch interessiert, ohne zu
erzieherisch werden zu wollen. Fontanellaz will Kindern in einem neusten Werk etwas mitgeben, ohne
ihnen eine Lektion zu erteilen. Und sein Buch erzählt von kleinen Talenten, ohne aus jedem Kind ein Genie zu machen.
Für das grosse, offensichtliche Talent habe es bei ihm selbst nie gereicht. Für den Fussballprofi schon gar nicht. «Ich wäre heute wohl bei Real Madrid», sagt er augenzwinkernd. Etwas mehr Ruhe und Gelassenheit hätte er dagegen tatsächlich gern.
Besondere Fähigkeit
Ob sein Buch gewinnt, weiss der 34-Jährige natürlich nicht. 50'000 Euro sind für den Hauptpreis ausgeschrieben. Er würde 50/50 mit seiner Illustratorin machen. «Wie immer», sagt er. Fontanellaz hat das Geld nicht eingeplant. Der gebürtige Berner ist in St. Gallen verwurzelt und glaubt nicht, dass sich sein Leben grundlegend verändern würde.
«Aber natürlich», gibt er unumwunden zu, «möchte ich gewinnen». Aber die Shortlist allein sei bereits «eine riesige Bestätigung und eine Ehre». Und falls es nicht reicht, bleibt ihm ein Trost, der ganz gut zu seinem Buch passt. Dann, sagt er, könne er sich einreden, «ein Kinderroman ist wohl besser angekommen». Auch das kann ein Talent sein.
Es klingt nach einem Scherz. Aber auch nach einer gelassenen Haltung. Denn vielleicht besteht Fontanellaz' eigentliches Talent nicht darin, besonders laut auf sich aufmerksam zu machen. Sondern darin, genau hinzuschauen. Auf Kinder, auf kleine Fähigkeiten und auf Dinge, die andere leicht übersehen.
Von Marino Walser
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