Jeyakumar Thiurairajah
wurde als St.Galler Stadtparlamentspräsident vorgeschlagen.
Kay von Mérey.
Der «Circle of Young Humanitarians» (CYH) will Brücken bauen zwischen der humanitären Welt und der nächsten Generation. Mitgründerin und Präsidentin Kay von Mérey lanciert zusammen mit der HSG einen Kurs, der zeigt, wie humanitäre Werte in globale Unternehmenspraxis einfliessen können. Im Interview spricht sie über die Idee hinter dem Projekt und ihre Hoffnung auf einen nachhaltigen Einfluss.
HSG Seit 2022 gibt es den Circle of Young Humanitarians (CYH), eine Jugendorganisation, die sich für einen offenen Dialog zwischen der humanitären Welt und jungen Menschen einsetzt. Ziel ist es, humanitäre Fragen über die Grenzen klassischer Hilfsorganisationen hinaus zu diskutieren und neue Brücken zu Berufsfeldern wie der Wirtschaft zu schlagen. Am 18. September startete an der Universität St.Gallen der neue Kurs «Social Responsibility: Humanitarian Principles in the Corporate Context», initiiert vom CYH. Der Kurs richtet sich an internationale Management-Studierende. Ergänzt wird er durch eine öffentliche Gastvorlesung von Peter Maurer, ehemaliger Präsident des IKRK, am 1. Oktober. Treibende Kraft hinter dem Projekt ist Kay von Mérey (29), Masterabsolventin der HSG und CEMS, Präsidentin und Mitgründerin des CYH.
Kay von Mérey, wie ist die Idee entstanden, einen Kurs über humanitäre Prinzipien im unternehmerischen Kontext an der HSG zu entwickeln?
Der Circle of Young Humanitarians (CYH) entstand aus der Überzeugung, dass die humanitäre Welt nicht nur für klassische Hilfsorganisationen wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) oder Médecins Sans Frontières (MSF) relevant ist, sondern uns alle betrifft. Von Anfang an plädieren wir für Interdisziplinarität: Brücken zu bauen zu jungen Menschen, unabhängig davon, in welchem Feld sie tätig sind. Jeder Beruf und jeder Sektor kann einen Beitrag leisten, so auch die Wirtschaft. Gerade heute, in einer Zeit zunehmender Konflikte, Klimakrisen und geopolitischer Spannungen, sind Fragen nach Verantwortung und Prinzipien für Unternehmen zentral. Deshalb hatte ich die Idee, diesen Brückenschlag auch in der Lehre an der HSG sichtbar zu machen mit einem Kurs, der humanitäres Denken mit unternehmerischen Fragestellungen verbindet. Um das Projekt anzustossen, habe ich gemeinsam mit Lea Vetsch, einem sehr engagierten CYH-Mitglied und CEMS-Studie-rende, sowie mit dem CEMS Office HSG den CEMS Philippe Louvet Innovation Grant eingereicht. Ohne Leas Energie und Hingabe wäre das Projekt in dieser Form kaum möglich gewesen, sie hat von Anfang an massgeblich dazu beigetragen, die Idee voranzubringen. Gemeinsam mit Dr. Andreas Böhm und Mahmoud Haidar haben wir die Idee dann weiterentwickelt und in ein konkretes Kurskonzept übersetzt.
War es leicht, die HSG von ihrem Konzept zu überzeugen? Gab es Hürden bei der Aufgleisung des Kurses?
Die HSG war von Anfang an sehr offen und unterstützend, sowohl das Rektorat als auch das CEMS Office. Erste Gespräche führten wir bereits vor rund eineinhalb Jahren, und die Unterstützung kam schnell. Auch das MIA-Programm (Master of International Affairs) begleitet uns seit den Anfängen des CYH. Ich bin sehr dankbar für all diese «door openers». Besonders das CEMS Office HSG (Dr. Andreas Wittmer, Jacqueline Meier, Sybille Gmünder und Marion Schönenberger), aber auch die Dozierenden Dr. Andreas Böhm und Mahmoud Haidar haben eine entscheidende Rolle gespielt: Sie haben an die Idee geglaubt, uns von Anfang an unterstützt und Türen geöffnet, die diesen Kurs überhaupt erst möglich gemacht haben. Insgesamt war es eine sehr positive Erfahrung, weil viele sofort erkannt haben, wie wichtig es ist, eine Brücke zur humanitären Welt zu schlagen.
Was war für Sie ausschlaggebend, gerade die Studierenden des CEMS-Programms als Zielgruppe zu wählen?
CEMS vereint Studierende aus aller Welt, die an einer internationalen Managementkarriere interessiert sind. Diese Gruppe wird später in globalen Unternehmen Verantwortung übernehmen. Deshalb wollten wir ihnen Instrumente und Denkweisen mitgeben, die sie in ihrer Praxis brauchen werden. Hinzu kommt: Wenn der Kurs in St.Gallen gut läuft, können wir ihn auch an andere CEMS-Partneruniversitäten tragen. CEMS selbst betont die Werte von Global Citizenship: Kulturelle Vielfalt, Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Gesellschaft usw. Unser Kurs knüpft genau hier an.
Der Kurs möchte humanitäre Werte mit globalen Geschäftsumfeldern verknüpfen. Wie wird dieser Brückenschlag konkret im Unterricht umgesetzt?
Wir arbeiten mit Fallstudien, Simulationen und Gastreferaten. Beispielsweise nutzen wir Tools des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), um zu zeigen, dass das humanitäre Völkerrecht, oft nur als «Kriegsrecht» bekannt, auch für Unternehmen relevant sein kann, wenn sie in Konfliktgebieten tätig sind. Der Kurs ist bewusst interaktiv gestaltet. Wir geben nicht alle Antworten vor, sondern regen zu Diskussionen an. Es geht darum, das Bewusstsein zu schärfen, dass Konflikte und humanitäre Krisen auch für Unternehmen unmittelbare Bedeutung haben, gerade in einer Zeit, in der es mehr Kriege gibt als seit dem Ende des Kalten Krieges.
Unternehmen sind heute oft in Krisenregionen aktiv. Welche Kompetenzen sollen die Studierenden durch den Kurs erwerben, um mit dieser Realität verantwortungsvoll umzugehen? Können Sie ein Beispiel machen?
Die Studierenden sollen lernen, Risiken nicht nur ökonomisch, sondern auch rechtlich, ethisch und gesellschaftlich zu bewerten. Ein Beispiel: Ein Unternehmen plant Investitionen in einer Region mit politischer Instabilität. Die entscheidende Frage lautet dann nicht nur «Wie profitabel ist das?», sondern auch: «Welche Folgen hat unsere Präsenz für die lokale Bevölkerung und unter welchen Bedingungen ist ein Engagement überhaupt verantwortbar?»
Wie ist die Gastvorlesung von Peter Maurer zustande gekommen? Weshalb ist er eine Bereicherung für den Kurs?
Wir haben Dr. Peter Maurer gezielt eingeladen. Für mich war es etwas ganz Besonderes, dass er zugesagt hat. Für den CYH ist er seit der Gründung eine Schlüsselfigur. Seine Aussage in der IKRK-Studie Millennials on War (2020), dass die Haltung junger Menschen zu Krieg die Zukunft unserer Welt prägt, war einer der wichtigsten Impulse für unsere Arbeit. Dass jemand wie er, der zehn Jahre lang an der Spitze des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz stand und heute Präsident des Vorstands des Basel Institute on Governance ist, sich die Zeit nimmt, zu uns in den Kurs zu kommen, ist aussergewöhnlich. Er kennt die Schnittstellen von Diplomatie, humanitärem Völkerrecht, globaler Politik und Organisationsführung aus eigener Erfahrung wie kaum ein anderer und weiss, wo wirtschaftliche und humanitäre Ansätze sich verbinden oder unterscheiden. Für mich persönlich ist er eine enorm inspirierende Persönlichkeit. Seine Erfahrung und seine Fähigkeit, Welten zusammenzuführen, machen ihn zu einem Vorbild. Gerade weil es so besonders ist, dass er für unseren Kurs nach St.Gallen kommt, wollten wir diesen Teil des Kurses bewusst für die Öffentlichkeit öffnen und daraus eine Veranstaltung machen, damit möglichst viele Menschen von seinen Perspektiven profitieren können.
Weshalb ist ein Kurs wie dieser in der aktuellen weltpolitischen Lage besonders wichtig?
Wir leben in Zeiten, in denen Krisen fast zur Normalität geworden sind: Kriege, Klimawandel, geopolitische Spannungen. Unternehmen sind davon betroffen, sei es durch Lieferketten, Investitionen oder gesellschaftliche Erwartungen. Gerade deshalb ist es entscheidend, zukünftige Führungskräfte darauf vorzubereiten, verantwortungsvoll mit diesen Realitäten umzugehen.
Welchen Einfluss erhoffen Sie sich durch einen solchen Kurs auf die Haltung und Entscheidungen zukünftiger Führungskräfte?
Mein Wunsch ist, dass die Studierenden später als Führungskräfte Entscheidungen nicht nur anhand wirtschaftlicher Kennzahlen treffen, sondern sich auch fragen: Was bedeutet mein Handeln für Menschen vor Ort? Wenn wir dieses Bewusstsein verankern, kann der Kurs langfristig dazu beitragen, eine verantwortungsvollere Art des Wirtschaftens zu fördern.
Interview von Selim Jung
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