St. Gallen plant ersten Konsumraum für suchterkrankte Menschen
An der Lagerstrasse 2/4 entsteht der erste Konsumraum für suchterkrankte Menschen in der Stadt. Die Zunahme des Drogenkonsums ist der Grund.
An der Lagerstrasse 2/4 entsteht der erste Konsumraum für suchterkrankte Menschen in der Stadt. Die Zunahme des Drogenkonsums ist der Grund.
DrogenkonsumEin Mann, gezeichnet vom Leben, sitzt zusammengekauert in einer Unterführung auf dem Boden. Die Passage dient als Zugang zu einer stark genutzten Tiefgarage. Er versucht, das Offensichtliche zu verbergen, den Konsum von Drogen.
In der Ostschweiz ist in den vergangenen Jahren ein deutlicher Anstieg des Konsums von Kokain, Crack sowie Mischkonsum zu beobachten. Das sagt Stadträtin Dr. Sonja Lüthi an der Pressekonferenz am Donnerstag. Gemeinsam mit Fabian Kühner, Kommandant der Stadtpolizei, und Regine Rust, Geschäftsleiterin der Stiftung Suchthilfe, informiert sie über den geplanten Konsumraum der Stadt.
Die Stadt St. Gallen plant fürMenschen mit Suchterkrankung eine Kontakt und Anlaufstelle, die auch einen Raum für begleiteten Konsum umfasst. Es handelt sich um das erste Angebot dieser Art in der Stadt. Das Vorhaben ist als Pilotprojekt angelegt und soll drei Jahre dauern.
Der geplante Konsumraum soll einen geschützten und kontrollierten Rahmen für den Konsum mitgebrachter Substanzen bieten. Zielist es, gesundheitliche Risiken zu reduzieren und einen direkten Zugang zu Beratung, Betreuung und weiterführender Unterstützung zu ermöglichen. Denn anders als vielleicht von der Öffentlichkeit wahrgenommen, spielt bei suchterkrankten Menschen viel Scham mit, wenn es um die Einnahme von Betäubungsmittel im öffentlichen Raum geht. «Das ist ein hoher Druck und belastend. Sie sind ausgestellt und werden stigmatisiert. Einen solchen Raum haben sie sich schon lange gewünscht», sagt Regine Rust. Das Pilotprojekt soll ermöglichen, den Konsum unter sicheren und respektvollen Bedingungen durchzuführen. Gleichzeitig soll das Angebot dazu beitragen, dass Bilder wie in der Tiefgaragenunterführung seltener werden.
Seit längerer Zeit sucht die Stadt St. Gallen nach einem geeigneten Standort für einen Konsumraum. Die Wahl fiel nun auf die Lagerstrasse. Zuvor wurden auch der Katharinenhof und eine provisorische Lösung beim Platztor geprüft. Dass der Konsumraum an der Lagerstrasse 2 und 4 entstehen soll, begründet Lüthi mit «der guten Erreichbarkeit, der Umfeldverträglichkeit, der Nähe zu Angeboten der Stiftung Suchthilfe, der zeitlichen Realisierbarkeit, der baulichen Eignung und der Umsetzbarkeit.» Früher befand sich dort die Wohngemeinschaft Arche der Stiftung Suchthilfe. Bis 2023 wurde das Haus genutzt. Auch das sei ein wichtiger Grund für die Standortwahl gewesen, sagt Rust. «Unsere Klienten kennen die Örtlichkeit. Der Standort hat eine grosse Akzeptanz in der Szene.»
Ebenfalls hinter dem Vorhaben steht die Stadtpolizei St. Gallen, wie Kühner betont. «In letzter Zeit kam es immer wieder zu herausforderndem Verhalten von Süchtigen.» Die Stadtpolizei will gemeinsam mit den beteiligten Stellen zur Stabilisierung der Situation beitragen. Sie setzt dabei auf Präsenz im öffentlichen Raum, Dialog und konsequentes Vorgehen gegen illegale Aktivitäten. Auch in die Standortbewertung war die Polizei früh eingebunden. Nach der Eröffnung soll die Polizei weiterhin deeskalierend im Umfeld wirken. «Vor besagter Adresse wird es nicht oder nur sehr sporadisch zu Personenkontrollen kommen», sagt Kühner. Das Beschlagnahmen von Betäubungsmitteln im Umfeld des Konsumraums sei zwar möglich. «Die Grenze ziehen wir aber beim Handel. Stellen wir dies fest, wird die Polizei eingreifen.»
Die Stadt St. Gallen, Polizei und Stiftung Suchthilfe verfolgen gemeinsam das Ziel, die Entstehung einer offenen Drogenszene zu verhindern. «Es ist auch ein Hoffnungsschimmer zur Entlastung der Polizei», ergänzt der Kommandant der Stadtpolizei.
Auch der Einbezug der Anwohnenden spielt nach Angaben von Lüthi eine Rolle. Rund um die Lagerstrasse fand ein Mitwirkungsverfahren mit Anwohnenden und Unternehmen statt. Bereits am Mittwochabend, 3. Juni, wurde eine Informations und Dialogveranstaltung durchgeführt. Dabei habe es viele positive Rückmeldungen gegeben.
Es gibt jedoch auch Kritik. «Das ist eine Farce», sagt eine Person, deren Betrieb unmittelbar neben dem geplanten Standort liegt. «Der Entscheid ist doch längst gefallen. Wieso macht man dann noch einen Infoabend.» Die Person möchte anonym bleiben. Sie spricht von einer «Alibiübung». Von einem Verfahren, das keine echte Einflussmöglichkeit biete. «Die Stadt versucht jetzt darzustellen, dass sie die Bevölkerung einbezieht. Aber entschieden wurde längst vorher.» Zwar sei es richtig, dass die Stadt aktiv werde, der Standort in unmittelbarer Nähe zur Fachhochschule sei jedoch falsch. «Wieso baut man nicht einen bestehenden Standort aus?» Als Alternative nennt die Person die Rosenbergstrasse 2. «Aber auch an der Linsenbühlstrasse 82 – der Stadt gehört dort das gesamte Haus –, an der Rorschacher Strasse 71 oder an der Brühlgasse 15 hätte man das Angebot erweitern und ausbauen können. Es stellt sich die Frage, wie viele solcher Strukturen an verschiedenen Standorten noch aufgebaut werden müssen.» Aber auch der Zeitpunkt der Beteiligung wird kritisiert. «Man erwartet doch, dass die Stadt früher auf die Leute zukommt.»
Zur Kritik am Vorgehen sagt Lüthi: «Den Entscheid über den Standort haben wir bewusst mit Experten getroffen. Würde man das Quartier von Anfang an miteinbeziehen, hätten wir eine Kiste aufgemacht. Dabei kommt man nie zu einem Ergebnis.»
Der Standort ist damit festgelegt. Als nächste Schritte stehen die Konkretisierung des Pilotbetriebs und die Sicherung der Finanzierung im Vordergrund. Ebenso müssen politische und rechtliche Voraussetzungen geschaffen werden. Geplant ist die Ausarbeitung von Betriebs-, Sicherheits- und Umgebungs-konzepten sowie die Vorbereitung des Umbaus inklusive Baugesuch. Parallel dazu wird das Projekt dem Stadtparlament vorgelegt und politisch beraten. Die Betriebsbewilligung soll anschliessend beim Kanton St. Gallen beantragt werden.
Die Kosten sind noch nicht abschliessend geklärt. «Wir gehen jedoch davon aus, dass etwa 800 000 Franken für die Immobilie investiert werden müssen. Weiter werden sich die Betriebskosten etwa auf eine Million Franken pro Jahr belaufen», sagt Lüthi. Für den Betrieb sind rund 750 Stellenprozente vorgesehen. Geöffnet sein soll der Konsumraum an Wochentagen zwischen 8 und 17 Uhr sowie an Wochenenden zwischen 9 und 14 Uhr.
Am 27. August ist ein weiterer Informationsanlass geplant. Dort soll der aktuelle Stand der Planung vorgestellt werden.
Von Marino Walser
Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Wieder die alte, unselige Offene Drogenszene, nur diesmal kaserniert, an umstrittener Stelle, Magnetwiirkung garantiert.
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