Claudia Wetter
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Symbolbild.
Im Auftrag der Stadt St.Gallen hat der Historiker und langjährige Mitarbeiter des Kulturmuseums, Peter Müller, einen Überblicks- und Forschungsbericht «St.Gallen, Sklaverei und Kolonialismus» veröffentlicht. Mit seinem reichen Bildteil vermittelt das Werk eine dunkle Seite der St.Galler Stadtgeschichte und bildet eine willkommene Grundlage für weitere Forschungen.
Kolonialismus Der Bericht bietet nicht einfach eine Auflistung von Schuld, Mitschuld und Fehlverhalten. Er fragt zum Breispiel auch, was man früher in St.Gallen überhaupt davon wissen konnte und wie man damit umgegangen ist. Der Fokus liegt auf der Zeit von 1500 bis 1914. Damit wird St.Gallen auf seinem Weg in eine erste Globalisierung begleitet, deren Höhepunkt die Stickereiblüte zwischen etwa 1865 und1914 ist.
Der Bericht ist wissenschaftlich fundiert, kann aber auch von interessierten Laien verstanden werden. Er kann nicht vollständig sein, weil die Erforschung bei weitem noch nicht abgeschlossen ist. Mit expliziten Verurteilungen ist der Bericht zurückhaltend. Er stellt vielmehr Materialien für die historische, politische und gesellschaftliche Diskussion bereit.
Das erste Kapitel befasst sich näher mit dem heute noch rudimentären Forschungsstand. Die Aufbereitung der Quellen zum global vernetzten St.Gallen befindet sich daher nach Müller noch am Anfang. Es ist auch höchst aufwendig, zu den Machenschaften der Kolonialisten und Sklavenhändler vorzustossen, weil viele Urkunden nicht in den offiziellen Archiven zu finden sind. Noch wenig erschlossen ist auch die Geschichte jener St.Galler, die in den Kolonien in der Landwirtschaft, im Militär, im Handel oder in der christlichen Mission tätig waren.
Am besten aufgearbeitet sind nach Müller für das 16. Jahrhundert zwei Pioniere des transatlantischen Sklavenhandels, Hieronymus Sailer (1495 bis 1559) und Melchior Grübel (zirka 1490 bis 1561). Für das 19.Jahrhundert ist es Jakob Laurenz Gsell (1815 bis 1896), Kolonialwarenhändler und Sklavenhalter in Rio de Janeiro, dann Kaufmann und Bankier in St.Gallen. Im 20.Jahrhundert profitierte Walter Mittelholzer (1894 bis 1937), Luftfahrpionier und Fotograf, von den kolonialen Strukturen und sorgte für Weltbilder, die heute zum Teil als rassistisch kritisiert werden. Carl Rietmann (1881 bis 1931) arbeitete in Paris in der Kolonialfirma Companhia de Mossamede, die Besitzungen in Portugiesisch-Südwest-Afrika besass. Ziemlich unerforscht ist die Tätigkeit von Angestellten von Sklaven- und Landbesitzern aus St.Gallen. Johann Joachim Stähelin (1760 bis 1815) arbeitete drei Jahre auf einer Plantage in Java und beaufsichtigte dort 300 Sklaven. In seinem 1811 veröffentlichten Reisebericht fällt die Beurteilung der Sklaverei ambivalent aus. In Java kaufte er jedenfalls für seinen Auftraggeber 27 Sklaven, bemühte sich aber auch um Menschlichkeit. Ein anderer Pfarrerssohn, Jakob Stäheli (1727 bis 1761), war Sklavenaufseher auf Plantagen in Berbice.
Umgekehrt gab es aber auch versklavte Stadtsanktgaller in Nordafrika, was kaum bekannt ist. Sie wurden meist entführt und das Ziel ihrer Entführer war es, Lösegeld zu erpressen und bis zur Freilassung mussten die Gefangenen in der Regel Sklavendienste leisten. Der Kaufmann Michael Veyel (1732 bis 1788) wurde 1761 nach rund fünf Jahren Sklavenleben in Algier losgekauft. Die St.Galler Behörden wollten zunächst kein Geld sprechen, weil sie dachten, er habe sich unvorsichtig verhalten und sein Unglück selbst verschuldet.
Weitgehend im Dunkeln liegt noch vielfach die Herkunftsgeschichte von Kunstgegenständen in den Museen, insbesondere im St.Galler Kulturmuseum, das Sklavenketten aus Westkongo und zwei Sklavenpeitschen aus dem Kongo oder Somalia besitzt. Aktuell wird die Provenienzforschung indessen stark vorangetrieben, wie der Autor festhält.
Zur Sensibilisierung für die Schattenseiten des Kolonialismus hat Hans Fässler (1954 geboren), Historiker und Gymnasiallehrer, mit seinen Schriften und seinen Aktionen beigetragen, was in der Publikation Müllers gebührend gewürdigt wird. Einer seiner Vorgänger war Christof Girtanner (1760 bis 1800). Für ihn «empörte der Sklavenhandel alle Gefühle der Menschlichkeit». Dagegen verteidigte der Kaufmann Karl August Wetter (1781 bis 1829) die Sklaverei. Er schrieb, die Sklaven würden im Allgemeinen gut gehalten, doch manchmal seien Peitschenhiebe angebracht, um den Respekt zu erhalten.
(Der Bericht ist über www.stadt.sg.ch als PDF online abrufbar.)
Franz Welte
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