Susanne Hartmann
erntet für Ihre Aussagen zum Autobahnausbau harsche Kritik.
Olga Chervinska, Gründerin des Reinigungsunternehmes CCbyOC.
Von Selim Jung
Integration Als Olga Chervinska vor rund zwei Jahren in der Schweiz ankam, wurde ihr schnell bewusst, dass der Neustart mehr bedeutete als nur eine neue Sprache und ein neues Umfeld. Der Wunsch, möglichst rasch beruflich wieder Fuss zu fassen, stellte sie vor grosse Herausforderungen. «Ich hatte den starken Willen, sofort zu arbeiten und mich weiterzuentwickeln, aber ich wusste nicht einmal, wo ich anfangen sollte», erinnert sie sich. Die Sprachbarriere und das Unverständnis für die lokalen Strukturen erschwerten die ersten Schritte. Gleichzeitig erlebte sie Unterstützung und Offenheit, die ihr Mut gaben: «Die Schweiz hat mir die Möglichkeit gegeben, Deutsch zu lernen – und ich sage heute jedem: Die Sprache öffnet Türen.» Bereits wenige Wochen nach ihrer Ankunft setzte sie alles daran, ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Sie suchte Informationen im Internet, lief von Amt zu Amt und fragte überall nach. Der Moment, in dem sie im Migrationsamt endlich klare Auskunft erhielt und das Anmeldeformular in den Händen hielt, bezeichnet sie heute als Wendepunkt: «Ich war unglaublich glücklich, denn von da an wusste ich, dass ich weitermachen kann.»
Am 13. September 2023 erhielt Chervinska schliesslich die Bewilligung zur selbständigen Erwerbstätigkeit. Dass sie den gesamten Prozess – vom Geschäftsplan über die Strategie bis hin zu den Wettbewerbsvorteilen – in nur einem Monat bewältigen konnte, führt sie auf frühere Erfahrungen zurück. In der Ukraine hatte sie bereits ein Unternehmen geführt, eine Nähwerkstatt mit Produktion und Verkauf von Bettwäsche. Diese Jahre hätten sie geprägt und ihr jene Disziplin und Flexibilität vermittelt, auf die sie heute baut. Ihr Reinigungsunternehmen CCbyOC führt sie bislang alleine. Sie sucht Kundinnen und Kunden, führt Gespräche, schliesst Verträge ab, erledigt sämtliche Reinigungen selbst und kümmert sich zudem um Buchhaltung, Organisation und Administration. Doch der nächste Schritt ist geplant: «Mein Unternehmen befindet sich nun in der Phase der Erweiterung, und ich suche Manager mit guten Deutsch- und Englischkenntnissen», sagt sie. Ihr Ziel sei es, mit einer Art Vermittlungsmodell neue Kunden zu gewinnen und zugleich Arbeitsplätze für ukrainische Geflüchtete zu schaffen. «Das ist ein bedeutender Teil meiner Mission – ich möchte der ukrainischen Gemeinschaft helfen, sich hier zu integrieren und stabile Arbeit zu finden.»
Mit der Zeit merkte Chervinska, dass viele andere Ukrainerinnen und Ukrainer vor denselben Fragen standen wie sie selbst. Oft wurde sie in den Deutschkursen angesprochen, wie sie die Firmengründung so rasch geschafft habe. Aus diesen Gesprächen entstand die Idee, ihr Wissen strukturiert weiterzugeben. Am 7. Dezember 2024 organisierte sie in St.Gallen ihr erstes Seminar unter dem Titel «Business Registration für natürliche und juristische Personen». Sie lud Fachleute aus Recht, Buchhaltung und Versicherungen ein und schuf damit einen Ort, an dem alle Fragen gebündelt beantwortet wurden. «Ich bin überzeugt: Wissen gibt Kraft. Wenn ich jemandem helfen kann, den Weg schneller zu gehen als ich, ist das mein Beitrag für unsere Gemeinschaft», sagt sie. Die Resonanz war gross, weitere Veranstaltungen sollen folgen. Chervinska sieht darin nicht nur eine praktische Hilfestellung, sondern auch eine Form der Integration. Sie betont, dass Offenheit und Austausch in der Schweiz zentrale Mittel seien, um voranzukommen. Ablehnung und Rückschläge gehören für sie zum Prozess – «ein Nein bedeutet nicht für immer», wie sie sagt. Entscheidend sei, dranzubleiben, nachzufragen und sich nicht entmutigen zu lassen.
Aus ihrer eigenen Erfahrung formuliert Chervinska klare Ratschläge für jene, die in der Schweiz ein Unternehmen gründen möchten. Der wichtigste Schritt sei, sein Ziel klar zu definieren und in die Handlung zu kommen. «Ziel plus Handlung ergibt das Ergebnis», sagt sie und betont, dass ein Geschäftsmodell erst dann existiere, wenn es auf Papier stehe. Sie ermutigt dazu, aktiv zu werden, Informationen zu suchen und auch dann Fragen zu stellen, wenn man sich unsicher fühlt. Besonders legt sie anderen nahe, die Sprache zu lernen und sich über rechtliche Grundlagen wie Steuern, Versicherungen und Registrierungsprozesse zu informieren. Doch über allem steht für sie die innere Haltung: der Glaube an sich selbst. «Niemand wird kommen und sagen: Es wird einfach. Dieser Weg gehört dir. Und wenn du wirklich etwas willst, musst du ihn gehen – auch wenn es schwer oder beängstigend ist.» Mit diesem Glauben, gepaart mit Ausdauer und einem aussergewöhnlichen Engagement für ihre Gemeinschaft, baut Olga Chervinska in St.Gallen nicht nur ein Unternehmen auf, sondern auch Perspektiven für Menschen, die einen Neuanfang wagen.
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