Viel erreicht für Menschen mit besonderen Bedürfnissen
Nach mehr als zehn Jahren an der Spitze der GHG tritt Patrik Müller kürzer. Im Gespräch blickt er auf Erreichtes zurück und spricht über die Zukunft.
Patrik Müller hat viel für Menschen mit besonderen Bedürfnissen geleistet.
Bild: GHG Donato Caspari
Nach mehr als zehn Jahren an der Spitze der GHG tritt Patrik Müller kürzer. Im Gespräch blickt er auf Erreichtes zurück und spricht über die Zukunft.
Interview Mehr als zehn Jahre hat Patrik Müller die Gemeinnützige und Hilfsgesellschaft der Stadt St.Gallen (GHG) geleitet. Mit 62 Jahren hat er sich entschieden, kürzer zu treten, den Vorsitz der Geschäftsleitung abzugeben und sich auf die baulichen Zukunftsaufgaben zu konzentrieren. Er hat die GHG in Erfüllung der Vision einer sozialen Unternehmung stark geprägt und weiterentwickelt, weshalb wir in einem Gespräch Rückschau gehalten haben.
Weshalb wollen Sie jetzt etwas kürzer treten in der GHG und wie kam es zur jetzigen Funktion?
Patrik Müller: Die vielen Aufgaben haben Kraft gekostet. Es kam in den letzten zehn Jahren immer mehr zusammen, nach der Reorganisation der GHG die Zentralisierung von Supportaufgaben, um möglichst professionell für Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf tätig zu sein. Sie ist noch nicht ganz abgeschlossen. Zudem wuchsen die meisten Institutionen, das Altersheim in Mörschwil und das Kinderheim Riederenholz kamen dazu, und damit wuchs der Personalbestand von 600 auf 830 Mitarbeitende an, was eine zusätzliche Herausforderung war.
Mit Präsident Heinz Loretini fand sich eine Lösung, die für alle stimmt. Ramon Beerli als jetziger Geschäftsführer ad interim kennt die GHG bestens und ist mit Elan an der Arbeit. Die Übernahme der Zuständigkeit für die Weiterentwicklung und Umsetzung der vielen Bauprojekte ist hochinteressant, da ich diese seit Jahren vorantreibe und begleite. Ich kann mich jetzt ganz auf diese konzentrieren.
Welche hauptsächlichen Ziele haben Sie erreicht?
Ich bin 2016 gewählt worden, um die Zentralisierung der GHG vorzunehmen, wo sie Sinn macht. Der Aufbau einer zentralen Geschäftsleitung ist erfolgreich verlaufen und es konnten hervorragende Mitarbeitende gewonnen werden. Anstelle der Betriebskommissionen für jede Institution konnte der Vorstand gestärkt werden und nimmt seine strategischen Aufgaben mit erfahrenen Fachleuten wahr.
Wichtig war für mich auch, über unsere Werte zu reden. Das soziale Engagement innerhalb der GHG ist heute eine starke gemeinsame Basis. Die Überzeugung, dass jeder Mensch, ob er eine Behinderung hat oder dement wird, das Recht auf ein würdevolles und erfülltes Leben hat, ist im Team heute stark verankert. Die Begleitung und Betreuung haben einen hohen Standard erreicht. So konnte ich bei meinen Besuchen in den Heimen immer vielen glücklichen Menschen begegnen. Auch gelang es, mit zielgerichteter Öffentlichkeitsarbeit die GHG und ihre Leistungen bekannter zu machen.
Sie haben eine weitreichende Reorganisation der GHG durchgesetzt. Sind die anfänglichen Widerstände inzwischen überwunden?
Natürlich war am Anfang viel Überzeugungsarbeit nötig. Die Reorganisation und die damit verbundenen Massnahmen wurden intensiv diskutiert. Die Einsicht, dass die Zentralisierung den Institutionen dient und dadurch Synergien entstehen, ist gewachsen. Die Statutenänderung erfolgte schlussendlich einstimmig.
Heute sind die Institutionsleitungen sehr zufrieden, weil sie sich dank der Entlastung von administrativen Arbeiten im Finanz- und Personalbereich sowie in der Kommunikation und der IT auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können.
Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit der Stadt St. Gallen und dem Kanton?
Die Zusammenarbeit ist wohlwollend und respektvoll. Wir ringen aber immer wieder um kostendeckende Tarife und Entschädigungen, was durch die Entlastungspakete erschwert wird. Es war auch notwendig, aufzuzeigen, welche Folgen ein Verzicht beziehungsweise ein Abbau von Leistungen nach sich zieht. Ich war stets auf eine zuverlässige und faire Partnerschaft ausgerichtet. So gelang es, in den meisten Bereichen eine ausreichende finanzielle Grundlage zu schaffen. Noch offen ist die dringend notwendige Erhöhung der Tarife für die Physiotherapie von Jugendlichen und Kindern, für Leistungen, die einem grossen Bedarf entsprechen.
Hätte die Stadt erhebliche Mehrkosten, wenn sie Aufgaben, die die GHG erfüllt, selbst erledigen müsste?
Ja, das ist so. Sowohl die Stadt wie der Kanton müssten mit höheren Kosten rechnen. Wir arbeiten kostenbewusst und betriebswirtschaftlich. Wir verfügen zudem über einen ehrenamtlich tätigen Vorstand, über Freiwillige, die soziale Aufgaben erfüllen, und können Spenden entgegennehmen. Das führt zu zusätzlichen Leistungen und senkt die Investitionskosten.
Wie hat sich der Fachkräftemangel während Ihrer Zeit an der Spitze bemerkbar gemacht? In welchen Bereichen war die Rekrutierung am schwierigsten?
Der Fachkräftemangel war vor allem im Pflegebereich, wo in den letzten Jahren eine hohe Fluktuationsrate herrschte, sehr akut. Die Lage hat sich etwas entspannt, auch weil wir als Arbeitgeberin einen guten Ruf haben und wir auch sehr qualifizierten Mitarbeitenden interessante Aufgaben mit internen Karrierechancen anbieten können. Die insgesamt hohe Zufriedenheit, die sich in den Mitarbeitenden-Umfragen zeigt, war mir ein grosses Anliegen.
Wie kam es zum raschen Wechsel an der Spitze der CP-Schule? Ist inzwischen die definitive Regelung erfolgt? Konnten die Stellen der neun Lehrkräfte, die kündigten, wieder besetzt werden?
Wir hatten Pech. Der neue Schulleiter (ab August 2025) fiel nach wenigen Monaten krankheitsbedingt aus und entschied sich, in der Folge zu kündigen. Das führte zu Unruhe und Mehrbelastung im Team. Wir haben aber für das neue Schuljahr einen kompetenten und motivierten Schulleiter gefunden und alle Stellen wieder besetzt. Ich bin zuversichtlich, dass das neue Schuljahr mit einem engagierten und harmonischen Team begonnen werden kann.
Gegenwärtig sind Sie im Baubereich äusserst aktiv. Mit welchen Projekten befassen Sie sich jetzt intensiv?
Im Riederenholz planen wir einen Neubau für die GHG CP-Schule und zwei Häuser für die GHG Riederenholz mit 30 Plätzen für Kinder und Jugendliche in fünf Gruppen. In den kommenden 12 Monaten soll das Baugesuch eingereicht werden. Bei der GHG Sonnenhalde Tandem ist das Vorprojekt für eine Erneuerung und Erweiterung des Wohnhauses erarbeitet. Es gilt auch, den Campus sicherer zu machen. Die Arealentwicklung Tempelacker ist nach der erfolgten Machbarkeitsstudie weiterzuverfolgen. Vorgesehen ist ein Neubau mit einem Landerwerb. Das Areal Birnbäumen gilt es nach dem Umzug der CP-Schule ins Areal Riederenholz ebenfalls zu sanieren und für die HPS bereitzustellen. Es ist auch ein Sonderschulstandort in Wittenbach geplant, um das südliche Einzugsgebiet besser zu erschliessen, vorerst als Übergangslösung für zehn Jahre. Und diesen Sommer renovieren wir zudem das Schulhaus an der Felsenstrasse 33.
Wie können die grossen Investitionen in Bauten finanziert werden?
Die GHG hat eine gesunde finanzielle Basis und auch die Liquidität ist gut, vor allem auch weil alle Institutionen gut ausgelastet sind. Deshalb bestehen gute Aussichten, kantonale Darlehen und von Banken oder Investoren Hypotheken zu erhalten. Die Amortisation erfolgt danach über die Leistungsaufträge.
Sie waren vor Übernahme der GHG-Geschäftsleitung Leiter der Sozialen Dienste der Stadt St. Gallen. Welche Unterschiede sind in der Personalführung und in der Entscheidfindung auffällig?
Die Steuerung bei der GHG ist direkter und kann schneller geschehen als in der Verwaltung. Wenn zusätzliche Aufgaben neue Stellen nötig machen, müssen sie durch Einnahmen refinanziert sein, es braucht aber keinen politischen Entscheid. Bei der Stadt habe ich etwa darunter gelitten, dass beim Vormundschaftsamt notwendige Stellen nicht bewilligt wurden, was zu viel zu hohen Fallzahlen pro Beistand führte. Inzwischen wurde der Personalbestand der Sozialen Dienste massiv erhöht.
Sie haben bekannt gegeben, das Brockenhaus neu zu positionieren. In welche Richtung?
In Berücksichtigung der gewachsenen Konkurrenz gilt es, die Schwerpunkte dort zu legen, wo nach wie vor eine Nachfrage besteht. Vor allem brauchen auch die Verkaufsräume eine Auffrischung. Zudem schaffen wir im Sinn der sozialen Nachhaltigkeit in Zusammenarbeit mit der Sonnenhalde mehr Integrationsarbeitsplätze.
Sie reduzieren mit der Übernahme der neuen Funktion Ihr Pensum auf 70 Prozent. Was planen Sie in der erweiterten Freizeit?
Dankbar bin ich, mehr Zeit für meine Familie und meinen ersten Enkel zu haben. Ich bin seit 45 Jahren sehr gerne im Engadin, wo wir inzwischen eine Wohnung haben. Dort wandere ich, fahre Velo und geniesse im Winter beim Langlauf die tollen Loipen. Ich bleibe zudem Präsident der Verwaltungskommission der SOVAR, der Sozialversicherungen Appenzell-Ausserrhoden, und des Trägervereins Integration TISG.
Interview: Franz Welte
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