Wo sich menschlicher Beistand mit modernster Technik verbindet
Beim vor zehn Jahren eröffneten St.Galler Krematorium verbinden sich moderne Technik und ein bewusster Fokus auf die Begleitung Trauernder.
Beim vor zehn Jahren eröffneten St.Galler Krematorium verbinden sich moderne Technik und ein bewusster Fokus auf die Begleitung Trauernder.
Krematorium Diese Ausrichtung ist auch jetzt deutlich zu spüren trotz des eng getakteten Programmes für die Einäscherungen wegen der Sanierung einer der drei Öfen. Ursula Lauper, zertifizierte Trauer- und Familientrauerbegleiterin, erklärt uns im Gespräch, dass das Team von ihr im Umgang mit Trauernden geschult worden ist.
Vor Ort Abschied nehmen
Begleitete Einäscherungen finden täglich ein- bis zweimal statt aufgrund des Wunsches von Angehörigen, vor der Einäscherung vor Ort von der verstorbenen Person Abschied zu nehmen. Dieser Wunsch ist immer stärker zu spüren. Es geht dabei vor allem darum, für die Trauernden da zu sein, sie in ihrer Trauer verständnisvoll zu begleiten. Nicht jedes Krematorium ermöglicht eine solche Begleitung. Verständlicherweise kann diese auch in St. Gallen nur vor Ort geboten werden. Auch Stiftungsratspräsident Adrian Rüesch betont in jedem Jahresbericht, wie wichtig es für die Stiftung und wie dankbar sie ist, dass die Einäscherungen trotz dieses hochtechnischen Vorgangs von den Mitarbeitenden mit Würde, Respekt und Verständnis für die Trauernden vorgenommen werden.
Beim Neubau eingeplant
Wie Ursula Lauper darlegt, hat schon bei der Planung des Neubaus die Bemühungen um Mitmenschlichkeit eine grosse Rolle gespielt. Es gelang, das Gebäude von Architekt Andy Senn optimal für die Begleitung von Trauernden auszurichten, technische Nüchternheit zu vermeiden und eine schutzbietende Atmosphäre für die Hinterbliebenen zu schaffen. Das braune Klinkermauerwerk und die indirekte Beleuchtung sorgen für Geborgenheit.
Allerdings zeigten sich Abdichtungsprobleme, weshalb über Jahre Baustellen am Gebäude zu beobachten waren. Jetzt sind die Sanierungen abgeschlossen, doch die Kostentragung ist noch nicht vollständig geregelt. Für die Hinterbliebenen wurde dem Ofenraum ein Abschiedsraum vorgelagert, wo schon viele Tränen geflossen sind. Der Raum mit den drei Öfen wirkt ebenfalls nicht abweisend, sondern entspricht dem übrigen Charakter des Gebäudes. Die vielen technischen Einrichtungen verbergen sich hinter der Wand bei den Öfen, bleiben damit für die Besuchenden im Verborgenen. Es fehlt auch nicht ein Raum, in dem Urnen verschiedenster Art besichtigt werden können. Immer häufiger werden Urnen auch von den Hinterbliebenen mit nach Hause genommen. Doch schon die Lage des Krematoriums entspricht dem Mitmenschlichkeits-Prinzip der Stiftung. Das nötige Land wurde von der Stadt im Baurecht zur Verfügung gestellt, sodass durch die Stiftung das Krematorium im Friedhof-Areal und damit in einem würdevollen Umfeld errichtet werden konnte, was in einer Industrie-Gegend niemals möglich wäre.
Neuerungen für die Umwelt
Im Unterschied dazu ist das Wirken des Krematoriums hoch technisch und ist auch in den letzten Jahren laufend dem Fortschritt der Technik, den neuen Möglichkeiten des Umweltschutzes und für erhöhte Versorgungssicherheit und Effizienz angepasst worden. Ausgelöst durch die Strom- und Gasmangellage von 2022 wurde letzten Herbst eine Photovoltaik-Anlage für die eigene Stromproduktion in Betrieb genommen. Der Strom-Ertrag wird komplett im Krematorium genutzt. Zur Überbrückung eines Stromunterbruchs und einer Strommangellage ist ein Notstrom-Generator errichtet worden, wofür der Bau eines separaten Gebäudes notwendig war, das unter Nutzung einer Hanglage aber nicht stark in Erscheinung tritt. Er kann den Betrieb im Notfall über mehrere Wochen mit Strom versorgen. Um den Gasverbrauch für die Feuerung zu reduzieren, sind normalerweise nur zwei Ofen-Anlagen gleichzeitig in Betrieb. Zur Aufrechterhaltung des Betriebs bei einem Gas-Lieferungs-Unterbruch ist ein Zweikomponenten-Brenner Öl/Gas eingerichtet worden, der nach anfänglichen Schwierigkeiten infolge noch wenig erprobter Technik jetzt gut läuft. Neuestens konnte nun auch eine Nutzung der Abwärme für eine Fernwärmeheizung der Friedhof-Gebäude Feldli vorgenommen werden.
Damit können hier jährlich 20 000 Liter Öl eingespart werden. Mit diesen Neuerungen und Ergänzungen sind die baulichen Massnahmen nicht abgeschlossen, denn der intensive Betrieb erfordert in Zukunft Revisionen und Sanierungen in stärkerem Masse. Eine hoch wirksame Rauchgas-Reinigungsanlage wurde bereits mit dem Neubau realisiert. Trotz der erfolgten hohen Investitionen mussten die Einäscherungspreise dank weitsichtiger Finanzplanung seither nicht mehr erhöht werden.
Der technische Ablauf
Die Bestatter aus den 121 Vertragsgemeinden haben von der Hätterenstrasse her während 24 Stunden
Zugang zum Gebäude, um die Verstorbenen in den Kühlraum zu bringen oder diese bei Bedarf vorher im Umsargungsraum für eine Aufbahrung vorzubereiten. Dann übernehmen die Mitarbeitenden des Krematoriums die Arbeit und überprüfen nochmals die Särge. Sie bringen die sterblichen Überreste in den beschriebenen Kultraum, wo die Kremation eingeleitet wird. Die Särge werden danach in die glühenden Flachbettöfen eingeschoben, wo die Einäscherung nach rund anderthalb Stunden vollzogen ist. Die Zeit ist nicht bei allen Verstorbenen gleich lang. Auch jeder Körper sei individuell, formuliert Ursula Lauper. Daher müssen die Öfen während des Verbrennungs-Vorgangs beobachtet werden. Zur Hauptsache wird der Einäscherungsprozess bei bis zu 1200 Grad Celsius durch ein elektronisches Prozessregel- und Leitsystem gesteuert. Die technischen Mitarbeiter arbeiten daher häufig auch am Bildschirm. Der Einfahrvorgang verläuft wie das Ascheabschieben vollautomatisch.
Aus dem «St. Galler Feuerbestattungsverein» (rechtlich eine Genossenschaft), der das erste Krematorium 1903 im Friedhof Feldli errichtete, wurde 1995 eine Stiftung, die den Betrieb seither für die Ostschweiz sichert. Die nächsten Krematorien befinden sich in Winterthur, Chur und Rüti ZH. Heute werden in der Schweiz 87 bis 90 Prozent der Verstorbenen eingeäschert.
Von Franz Welte
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