Florian Kobler
sorgt sich um den Mangel an altersgerechten Wohnungen im Kanton.
Die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» will die Zuwanderung stoppen. GastroSuisse sieht darin ein Problem, wenn es um Arbeitskräfte geht. Ein Blick in die St.Galler Gastronomie zeigt: Bei der Annahme der Initiative würde das Gewerbe vor argen Herausforderungen stehen.
Stadt Sabrina Batt steht in ihrem neuen Restaurant «Batts» an der Bankgasse in der Innenstadt, welches sie mit ihrem Mann Michael Batt führt. Am Telefon bespricht sie letzte Einzelheiten – es geht um den Einkauf von verschiedenen Lebensmitteln, dass im Restaurant angeboten wird. Es ist Donnerstagnachmittag, 16 Uhr. In der Küche ist die Küchenhilfe Josefina Perez de la Rosa schon bei der Arbeit. Sie rüstet Spargeln, macht die Küche bereit, damit Michael Batt ein wenig später in einer sauberen Küche seinem Job nachgehen kann. Perez de la Rosa gehört schon seit einiger Zeit zum Team von Rheintal Catering. Das Unternehmen führt das Wirtepaar seit mehr als 15 Jahren. Vier Restaurant und ein Cateringservice zählen die Batts zum Unternehmen. Gemeinsam beschäftigen sie ungefähr 100 Angestellte. «Rund 40 Prozent unserer Angestellten sind keine Schweizer», sagt Sabrina Batt und fügt hinzu: «Könnten wir nicht auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Ausland zählen, würde uns das vor erhebliche Herausforderungen stellen.»
Gemäss dem Referenzszenario des Bundesamts für Statistik (BFS) wird die Schweiz um das Jahr 2040 herum 10 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner zählen. Am 31. Dezember 2025 verzeichnete die ständige Wohnbevölkerung über 9.1 Millionen Personen, so das Bundesamt für Statistik. Die Geburtenhäufigkeit ging 2025 aber im vierten Jahr in Folge zurück. Der Wanderungssaldo (Differenz zwischen Ein- und Auswanderungen) verringerte sich von 82 800 im Jahr 2024 auf 77 300 im Jahr 2025 (-6,6%). Bei den Schweizerinnen und Schweizern belief er sich provisorisch auf Minus 6300 und bei der ausländischen Bevölkerung auf plus 83 600. Trotz der 41 500 Einbürgerungen im Jahr 2025 wuchs die Bevölkerung mit ausländischer Staatsangehörigkeit schneller als diejenige der Schweizerinnen und Schweizer (+1,9% gegenüber +0,4%). Die Schweizerische Volkspartei (SVP) sieht in diesen Zahlen ein Problem. Die Bürgerlichen sprechen von Dichtestress, überlasteten Zügen und Strassen, steigenden Mieten und überbauten Flächen. Deshalb will die SVP die Zuwanderung aus dem Ausland in die Schweiz begrenzen. Mit der Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» fordert sie Massnahmen zur Begrenzung der ständigen Wohnbevölkerung auf unter 10 Millionen vor 2050.
Die Bundesverfassung soll mit einem neuen Artikel zur «nachhaltigen Bevölkerungsentwicklung» ergänzt werden. Demnach darf die ständige Wohnbevölkerung zehn Millionen vor 2050 nicht überschreiten. Leben vor 2050 9.5 Millionen Menschen im Land, müssten Bundesrat und Parlament Massnahmen ergreifen. Etwa dürften vorläufig Aufgenommene keine Niederlassungsbewilligung mehr erhalten und auch nicht mehr eingebürgert werden. Auch der Familiennachzug soll in diesem Fall eingeschränkt werden. Internationale Abkommen, die zu einem Wachstum der Bevölkerung führen, müsste die Schweiz mit Blick auf Ausnahme- oder Schutzklauseln neu aushandeln. Reicht dasalles nicht, um den Grenzwert einzuhalten, muss die Schweiz als Notbremse letztlich das Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU kündigen. Am 14. Juni stimmen Schweizerinnen und Schweizer darüber ab. Ende März startete die SVP ihre Ja-Kampagne für die Initiative.
Doch ausser der SVP lehnen alle anderen grossen Parteien die Initiative ab. Auch der Bundesrat spricht sich dagegen aus. Das Vorhaben schade unter anderem der Wirtschaft. Ende März meldete sich auch GastroSuisse zu Wort. Der grösste gastgewerbliche Verband spricht sich ebenfalls gegen die «Chaosinitiative» aus, wie er in einer Mitteilung schreibt. «Die Chaosinitiative ist ein Frontalangriff auf unsere Branche», warnt Beat Imhof, Präsident von GastroSuisse. Denn die Volksinitiative würde die Personenfreizügigkeit mit der EU faktisch aushebeln. Zwei von drei gastgewerblichen Betrieben beschäftigen EU- oder EFTA-Personal, wie eine aktuelle Mitgliederumfrage von GastroSuisse zeigt. «Wer die Zuwanderung massiv einschränkt, legt Restaurants und Hotels lahm», stellt Imhof klar. Die Schweizer Gastronomie sei auf die Zuwanderung angewiesen. Ohne die Arbeitskräfte drohen Betriebsschliessungen, kürzere Öffnungszeiten oder steigende Preise.
Doch wie beurteilt ein Ökonom die Situation? Auf Anfrage der St.Galler Nachrichten sagt Professor Dr. Ferdinand Rauch von der HSG: «Eine dauerhafte Begrenzung der Zuwanderung und des Aufenthalts in der Schweiz wird den Arbeitsmarkt spürbar in vielerlei Hinsicht verändern.» Besonders betroffen wären laut Rauch wohl Branchen wie die Gastronomie, die stark auf ausländische Arbeitskräfte zurückgreifen. «Wahrscheinlich wäre eine Anpassung über ein knapperes Arbeitskräfteangebot, dadurch resultierende höhere Löhne, und Druck auf die Betriebe.»
In St.Gallen könnte die Nähe zur Grenze einen Teil dieses Drucks abfedern, da Pendler weiterhin verfügbar seien. «Trotzdem bliebe ein gewisser Anpassungsdruck auf die Betriebe bestehen, insbesondere wenn die Zuwanderung langfristig eingeschränkt würde.»
Zurück bei Sabrina Batt im Restaurant «Batt» in der St.Galler Innenstadt. Zusammen mit ihrer Küchenhilfe erledigt sie letzte Einzelheiten, bevor das Restaurant für die Kundinnen und Kunden öffnet. Angst habe sie vor einer Annahme der Forderungen der SVP nicht. Gleichzeitig sagt Batt aber: «Würde die Zuwanderung in die Schweiz so extrem erschwert werden, wie die Initiative verlangt, würden Personallücken aufgehen, die schwer zu stopfen sind.» Schwarzmalen will Batt dennoch nicht. Auch wenn die Gastronomie in der Schweiz unter Druck stehe und auf ausländisches Personal angewiesen sei, liege vieles auch in der Hand der Betriebe selbst. «Klar, ein Schweizer kommt nicht für den Mindestlohn bei uns arbeiten. Aber das muss er auch nicht. Denn Fachkräfte kosten und am Ende hat sich dies in unserem Unternehmen immer ausbezahlt.» Gleichzeitig räumt Batt ein: «Die Annahme der Initiative würde es sehr schwierig machen, ausreichend Personal zu finden.» Denn der Schweizer sei nicht mehr dazu bereit, zu rüsten, abzuwaschen oder zu putzen.
Zugleich dürften sich die Betriebe nicht auf alten Geschäftsmodellen ausruhen, sagt die Gastronomin. Man müsse innovativ denken und etwa von der «Zimmerstunde» absehen. «Das hilft, auch Schweizer Personal zu finden». Einfache Gastronomie, wie man sie aus der Vergangenheit kenne, erschwere die Situation zusätzlich.
mw
Die Nschwuchssorgen des Gastgewerbes hat brancheneigene und selbstgemachte Gründe, die Zehnmillionen-Schweiz hat damit wenig zu tun.
Walter Lendi antworten
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