Messen, interpretieren, leben: Das tägliche Ringen um den Blutzucker
Die Diabetesbehandlung hat sich stark verändert. Für Betroffene bleibt die Erkrankung dennoch eine tägliche Herausforderung. Ein Betroffener gibt Einblick in den Alltag.
Lukas Brassel bei der Anmeldung auf der Geschäftsstelle von DiabetesOstschweiz an der Neugasse 55 in St.Gallen. Die Organisation bietet Betroffenen und Angehörigen Beratung, Austausch und Unterstützung im Umgang mit Diabetes. Bild: mw
Die Diabetesbehandlung hat sich stark verändert. Für Betroffene bleibt die Erkrankung dennoch eine tägliche Herausforderung. Ein Betroffener gibt Einblick in den Alltag.
Diabetes Lukas Brassel hält sein Handy in der Hand. Auf dem Display leuchtet eine Kurve. Sie zeigt seinen Blutzuckerwert, aktuell und fast in Echtzeit. «Der ist im Zielbereich», sagt der 48-Jährige. Kurz zuvor noch gab es ein Problem mit der Insulinaufnahme. Der Katheter war verstopft, der Wert stieg markant. Brassel ersetzte den Katheter und korrigierte manuell mit zusätzlichem Insulin. Dann fiel die Kurve rasch wieder ab.
So sieht sein Alltag heute aus: Sensor am Arm, Pumpe am Körper, App auf dem Handy. Die Geräte kommunizieren miteinander und unterstützen sein Blutzuckermanagement. Doch so einfach war es nicht immer. Vor rund 35 Jahren, mit 14, erhielt Brassel seine Diagnose. Damals musste er sich mehrmals täglich in den Finger stechen und den Blutzucker mit Blut messen. Jede Mahlzeit wurde abgewogen, Insulin kam aus der Spritze. «Meine Mutter hat damals immer separat für mich gekocht», erinnert er sich.
Eine Volkskrankheit
Diabetes ist in der Schweiz weit
verbreitet. Rund eine halbe Million Menschen leiden hier an den verschiedenen Formen der Erkrankung. Das schätzt das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Diabetes mellitus ist eine chronische Stoffwechselerkrankung. Der Körper verarbeitet Zucker nicht mehr richtig, und der Blutzucker steigt. Unbehandelt können langfristig Blutgefässe und Nerven Schaden nehmen. Nicht jeder Diabetes ist gleich. Beim Typ-1-Diabetes produziert der Körper kein Insulin mehr. Diese Form betrifft etwa zehn Prozent der Betroffenen. Beim deutlich häufigeren Typ-2-Diabetes wird Insulin zunächst noch gebildet. Der Körper kann es aber zunehmend schlechter verwerten. Rund 90 Prozent der Diabetesbetroffenen haben Typ 2. Laut BAG spielen bei diesem Typ unter anderem unausgewogene Ernährung, Bewegungsmangel und starkes Übergewicht eine Rolle.
Brassel hat Typ 1 und kennt diese Unterschiede genau. Er betont jedoch: Seine Erfahrung ist seine Erfahrung. Sie sei kein Rezept für alle anderen. «Es wäre falsch zu sagen, Diabetes ist kein Problem», sagt er. Manche Menschen hätten ein unterstützendes Umfeld, gute Ärztinnen und Ärzte sowie Zugang zu moderner Technik. Andere müssten deutlich mehr kämpfen.
Ein Ort für Wissen und Austausch
Genau darum geht es am DiabetesForum Ostschweiz. Es findet am Samstag, 31. Oktober, im Pfalzkeller St.Gallen statt. Die Veranstaltung läuft von 9 bis 14 Uhr. Sie richtet sich an Menschen mit Diabetes, Angehörige und Fachpersonal aus Diabetes- und Ernährungsberatung. Im Programm stehen fünf Referate von Spezialistinnen und Spezialisten. Aussteller zeigen Geräte, Materialien, Dienstleistungen und Unterstützungsangebote. Wichtig
ist dem Forum auch der Austausch. Betroffene können Erfahrungen teilen, Fragen stellen und Kontakte knüpfen. Der Eintritt ist kostenlos.
Für Brassel ist ein solches Angebot mehr als eine Informationsveranstaltung. In der Ostschweiz gebe es gute Anlaufstellen mit vielfältiger Beratung und verständnisvollen Fachleuten, sagt er. Nicht jede betroffene Person habe von Anfang an dieses Netz. Gerade deshalb sei Wissen wichtig.
Das eigene Stück Kuchen
Brassel wuchs in St.Gallen auf. Er machte eine Lehre, studierte Bauingenieurwesen und leitet heute den St.Galler Standort einer mittelgrossen Ingenieurunternehmung. Er beschreibt sich als aktiv, engagiert und polysportiv. Diabetes sei ein Teil von ihm, aber nicht seine ganze Identität. «Ich bezeichne mich nicht als krank», sagt er. Trotzdem ist die Erkrankung täglich präsent. Beim Sport, bei Krankheit oder auf Reisen muss er vorausdenken. Fieber oder auch eine Erkältung bedeute zusätzlichen Stress für den Körper, was sich auf Insulinbedarf auswirken könne. Intensiver Sport könne den Blutzucker rasch senken. Auch im Auto gelte besondere Vorsicht, wegen der Gefahr einer Unterzuckerung. «Alles, was der Körper normalerweise automatisch macht, muss ich antizipieren», sagt Brassel. «Als Diabetiker hatte ich früher zwangsläufig einen Sonderstatus.» Am Kindergeburtstag brachte er beispielsweise sein eigenes zuckerloses Kuchenstück mit. Ernährte sich nach einer strengen Diät. Im Fussballclub musste er bei einer Unterzuckerung kurz raus und Zucker nachwerfen. Heute kann er vieles unauffällig managen. «Aber die Sorge, sich wegen Diabetes zu exponieren oder stigmatisiert zu werden, kenne ich durchaus.»
Ernst nehmen, leben bleiben
Brassel will keine Verbote predigen. Heute isst er alles, auch mal
ein Stück Kuchen oder etwas aus dem Fast-Food-Restaurant. Entscheidend sei für ihn das Wissen
darum, was und wie viel er isst und wie sein Körper reagiert. «Es ist kein Verbotsthema», sagt er und fügt hinzu: «Es ist eher: Ich weiss, wie es wirkt.»
Er warnt aber vor Verharmlosung. Diabetes könne sich lange «dahinschleichen», sagt er. Wer nichts dagegen unternehme, riskiere gravierende Folgen. Gleichzeitig wolle er nicht als kranker Mensch leben. Dieser Spagat präge sein Verhältnis zur Erkrankung.
Auch Versicherungen erleben Betroffene manchmal als Barriere. Die Grundversicherung sei für ihn kein Problem, sagt Brassel. Bei Zusatzversicherungen sei er jedoch unter Vorbehalten versichert. Krankheiten im Zusammenhang mit Diabetes würden teils ausgeschlossen. Das frustriere, obwohl er es längst akzeptiert habe.
Keine Bagatelle
An Betroffene und Menschen mit Halbwissen hat Brassel eine klare Botschaft. Nicht wegducken, nicht ignorieren, sondern sich auseinandersetzen. Ein guter Umgang entstehe mit Wissen, Unterstützung und Zeit. «Je mehr man sich damit beschäftigt, desto einfacher wird es», sagt er. Nach über 30 Jahren mit Typ-1-Diabetes wirkt Brassel gelassen. Seine Technik hilft ihm, sein Umfeld trägt ihn, seine Erfahrung gibt ihm Sicherheit. Doch er bleibt bei seiner Haltung: «Diabetes lässt sich gut managen. Es ist aber keine Bagatelle.»
Sämtliche Plätze sind bereits vergeben. Weitere Anmeldungen für das DiabetesForum Ostschweiz sind nicht mehr möglich.
Von Marino Walser
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